FUNDE VOM DONNERSBERG
( 22.01.2011 )
Heiliges Werkzeug der Druiden?
Sicheln waren Alltagsgegenstände – Miraculix beim Mistelschneiden ist nur eine romantische Vorstellung
VON ANDREA ZEEB-LANZ
Sicheln aus Eisen gehören mittlerweile zum normalen Fundbestand aus der keltischen Großstadt auf dem Donnersberg. In den letzten Jahren wurden einige dieser Werkzeuge in unterschiedlichen Größen bei Begehungen des Siedlungsgeländes innerhalb der Stadtmauern (die heute als Versturzwälle immer noch gut erhalten sind) gefunden.
Während die Größe der Sicheln variieren kann, bleibt ihre Form eigentlich immer die gleiche und entspricht derjenigen des hier abgebildeten Exemplares. Im Gegensatz zu Äxten und Beilen, bei denen häufig in eine Tülle ein Holzschaft eingesetzt wurde, weisen die Sicheln einen mit dem Sichelblatt in einem Stück gefertigten eisernen Stildorn auf. Dieser Dorn diente zur Befestigung eines organischen Griffes, sei es aus Holz oder aus Knochen, in den der Dorn dann eingepasst wurde. Denkbar ist auch ein Griff aus zwei Hälften (Schalengriff), ebenfalls aus organischem Material, wobei die beiden halben Griffschalen dann mittels einer Umwicklung mit Schnur oder Bronzedraht zusammengehalten wurden.
Dass die Sicheln, vorzugsweise dann aus Gold, zum Abschneiden von Misteln für "heilige Handlungen" von den Druiden verwendet wurden, wird von dem griechischen Schriftsteller Plinius dem Älteren (23 bis 79 n. Chr.) überliefert. Es ist aber davon auszugehen, dass Plinius selbst keine genaue Kenntnis dieser Praxis hatte und sich auch nur auf ältere, nicht nachvollziehbare Überlieferungen stützt. Die goldene Sichel als Instrument des Druiden ist aber seitdem auch in der viel späteren Literatur immer wieder aufgegriffen worden, obwohl archäologische Fundkomplexe von keltischen Kultgegenständen bislang nie eine Sichel als Bestandteil des Kultinventars erbracht haben. Es ist auch davon auszugehen, dass die griechischen und römischen Schriftsteller keine genaue Kenntnis von den rituellen Handlungen keltischer Druiden gehabt haben dürften, da dieses Wissen streng geheim gehalten und nicht einmal schriftlich niedergelegt wurde. Tatsächlich sind wir im Einzelnen über die kultischen Gebräuche und rituellen Handlungen in der keltischen Welt nur sehr unzureichend informiert, was immer schon breiten Raum für allerlei abenteuerliche Spekulationen gegeben hat. Es finden sich vor allem in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts zahlreiche Abbildungen, auf denen Druiden zu sehen sind, die feierlich mit der goldenen Sichel Misteln von Eichenbäumen schneiden.
Angeblich sollen goldene Sicheln auch zum rituellen Töten weißer Stiere für Opferzwecke genutzt worden sein, eine ebenso unbewiesene Behauptung wie diejenige vom Schneiden der heiligen Misteln. Dass die Mistel eine besondere Bedeutung im keltischen Naturglauben besaß, ist zwar bei mehreren griechisch- römischen Autoren verbürgt, allerdings gibt es keine Beschreibungen, wie und womit das Schneiden dieses heiligen Gewächses vor sich ging.
Sicheln, in der Regel aus Eisen (der Fund einer goldenen Sichel lässt bis heute auf sich warten…), dienten vielmehr ganz profanen Zwecken wie dem Schneiden von Unkraut, Gras oder Büschen. Dabei ergriff man mit der einen Hand ein Büschel Gräser oder Halme und schnitt dieses dann mit der Sichel gezielt ab.
Die Tatsache, dass sich in großen keltischen Siedlungen wie den Oppida häufig Funde von eisernen Sicheln verschiedener Größen dokumentieren lassen, spricht eindeutig dafür, dass sie zum ganz normalen Werkzeugbestand keltischer Haushalte gehörte.

